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Darf man als Unternehmer stottern?

Stottern. Was ist das eigentlich?

Wikipedia definiert es folgendermaßen:

„Stottern (auch Balbuties, von lateinisch balbutire ‚stottern‘) ist eine Störung des Redeflusses welche durch häufige Unterbrechungen des Sprechablaufs, durch Wiederholungen von Lauten, Silben und Wörtern gekennzeichnet ist. Charakteristisch für Stottern ist das situationsabhängige Auftreten der Symptomatik, wobei Symptomfreiheit nicht selten im Wechsel mit starkem Stottern stehen kann. Nervosität gilt nicht als Auslöser, kann jedoch in manchen Fällen Folge des Stotterns sein.“

Für mich ist Stottern vor allem Scham. Und Angst. Angst davor doof da zu stehen. Angst davor, sich nicht ausdrücken zu können. Angst davor ausgelacht zu werden. Angst vor peinlichem Schweigen und Unsicherheit. Angst davor nicht ernst genommen und für blöd gehalten zu werden. Übernehmen Stotterer in Filmen doch oft die Rolle des Dümmlings.

Es ist Unwohlsein und noch so viel mehr. Es ist Verkrampfung von Zunge, Lippen, Hals und Kiefer. Anspannung von Brustkorb und Bauchmuskeln. Zittern, Schwitzen, Grimassen ziehen (und das nicht, weil es so lustig ist). Erröten und am liebsten im Erdboden versinken wollen. Und erst die Vorstellung, wie beschränkt man eigentlich dabei aussehen muss, während man versucht sich auf halbwegs würdevolle Art und Weise zu artikulieren.

Das Stottern war mein ständiger Begleiter

So lange ich denken kann, begleitet mich das Stottern. Ich kann mich nicht erinnern, in einer Phase meines Lebens nicht gestottert zu haben. Es war immer an meiner Seite, mal mehr mal weniger und das nicht gerade als freundlicher Verbündeter.
Es begleitete mich auf dem Weg in die Schule und auch später, während der Ausbildung.
Wie ein nasser Sack lag es vor mündlichen Prüfungen oder Vorträgen wochenlang neben mir im Bett.
Es hat mich Schwitzen lassen, wenn ich beim B-b-b-bäcker ein C-c-c-r-r-r-oissant kaufen wollte und darüber entschieden, dass der Hunger gar nicht so gross ist.
Es war mein erster Gedanke beim Aufstehen und mein Letzter vor dem Schlafengehen.
Es hing wie ein böser Geist in der Telefonleitung und machte den anderen glauben, die Verbindung sei schlecht.
Es liess mich unzulänglich und unperfekt fühlen. Wo doch Perfektionismus mein zweiter Vorname ist. Nun nur noch mein Dritter.

Äh, nein, ich habe meinen Namen nicht vergessen...ich stottere. Und du so?

Vor zwei Jahren brachte es mich sogar dazu meinen Vornamen zu ändern. Einfach weil ich ihn nicht aussprechen konnte. Habt ihr eine Vorstellung, wie oft man den Vornamen eigentlich braucht und sagen muss? Er ist so ziemlich das Erste, was man einem Fremden mitteilt bzw. entgegen stottert. Kein besonders eloquenter und wortwitziger Einstieg. Die Logopäden unter euch werden jetzt die Hände über dem Kopf zusammen schlagen. Das ist mehr als Vermeidung! Das ist Verleumdung! Wisst ihr was? Von mir aus. Für mich war es der richtige Schritt. Er hat mich befreit! Etwas, das logopädische Therapie nie geschafft hat. Diese Entscheidung hat mein Leben verändert. Sie hat eine Last von mir genommen, die ich immer als glanzlose Kette aus besonders schwerem Metall mit einem übergrossen Anhänger um den Hals trug.

Ich habe sie einfach abgelegt.

Das Stottern ist geblieben aber ich habe neues Selbstwertgefühl erlangt. Ich muss nicht mehr jedem gleich als erstes auf die Nase binden… äh, nein, ich habe meinen Namen nicht vergessen…ich stottere. Und du so?

Raus aus der Komfortzone!

Ich habe nun die Chance, mit meiner Persönlichkeit zu überzeugen. Und wer dann merkt, dass ich stottere, kann sich immer noch von mir abwenden und mich komisch finden. Das ist dann aber sein Problem. Das kann ich aber auch erst jetzt aus voller Überzeugung sagen. Denn, so sehr wie ich es verflucht habe und ich mir eher schwach als stark vorkam, so hat es mich zu der Persönlichkeit gemacht, die ich heute bin. Es hat mich stärker gemacht. Auf sehr herausfordernde Art und Weise. Es hat mich oft an meine Grenzen gebracht, immer wieder. Mich dann aber auch belohnt. Mit Mut und Ehrgeiz und Stolz. Mit neuen Möglichkeiten und ganz anderen Reaktionen, als ich erwartet hatte. Die Hemmungen, die eigene Komfortzone zu verlassen, mögen etwas höher sein als bei nicht stotternden Menschen. Aber wahrscheinlich haben diese dafür irgendein anderes Päckchen zu tragen. Hat doch jeder irgendwie. Form, Grösse und Gewicht variieren aber am Ende kommt´s auf´s Selbe raus oder? Der eine hat ein Hinkebein und ich stottere eben. Das macht mich weder zu einem besseren, noch zu einem schlechteren Menschen. Den anderen genauso wenig. Es macht uns zu Individuen. Jeden auf seine Art.

Stottern-Unternehmerin

Ist es nicht auch das, was eine gute Marke ausmacht? Sind es nicht Individualität und Persönlichkeit, mit denen wir uns am schnellsten identifizieren? Authentizität und ein Gefühl von Verbundenheit, weil wir uns verstanden und gut aufgehoben fühlen. Ein Produkt, von dem wir überzeugt sind und ein Macher dahinter, der mit Herzblut und Leidenschaft bei der Sache ist. Der nicht nur blosser Dienstleister oder Verkäufer einer Ware ist, sondern einsteht für seine Vision und eine besondere Philosophie. Ist es nicht das, was wir anziehend und verlockend finden, wovon wir uns gern um den kleinen Finger wickeln lassen? Ich sage ja. Ich ticke genau so. Ich mag Menschen, die die Dinge anpacken, die für etwas brennen und für ihre Ideen und Träume einstehen. Solche Menschen inspirieren mich. Und von solchen Menschen kaufe ich gern etwas. Weil ich toll finde, was sie tun und wie sie es tun. Und obwohl ich ihnen auch noch Geld bezahle, lassen sie mich mit einem wohligen Gefühl des Glücks zurück. Genau das ist, wofür auch ich stehen möchte. Mit meiner Marke. Mit meinem Unternehmen. Mit meiner Persönlichkeit. Und wenn ich dazu stottern muss, dann soll es so sein.

Im ersten Moment schmerzt es, aber dann treibt es mich nur noch mehr an!

Ich habe hänselnde Mitschüler überstanden, gleichgültige Lehrer und andere desinteressierte Menschen hinter mir gelassen, unzählige Vorstellungsrunden mitgemacht, aus denen ich gefühlt blamiert bis auf die Knochen heraus gegangen bin (bei jeder einzelnen hätte ich mich gern unsichtbar gemacht). Ich begegne immer wieder Menschen, die nicht wissen, wie sie mit mir umgehen soll. Wie sie reagieren sollen und die aus Verlegenheit erst mal einen Witz machen oder ihre vermeintliche Überlegenheit anderweitig demonstrieren müssen. Sollen sie doch. Wenn es ihnen dann besser geht.

Klar schmerzt es im ersten Moment. Aber dann treibt es mich eigentlich nur noch mehr an. Ermutigt mich noch mehr, meinen Träumen immer näher zu kommen und sie nicht nur im Kopf zu visualisieren, sondern sie tatsächlich leben zu wollen.

Ist man wegen des Stotterns nun eine schlechte Unternehmerin oder gar eine schlechte Fotografin?

Mag sein, dass ich nicht für Telefonmarketing geboren wurde. Das Telefon ist einfach nicht mein Medium. Man sieht mich nicht und ich sehe den anderen nicht. Der am anderen Ende weiss nichts vom Stottern und fragt sich wahrscheinlich nur, warum ich so herumlamentiere, nicht zum Punkt komme. Immer wieder von vorn anfange und einfach kaum einen schön geordneten und wohlklingenden Satz hervor bringe. Schliesslich will ich mich doch verkaufen. Die kann ja nicht besonders professionell sein. Komische Type. Nach Telefonanfragen höre ich meistens nie wieder etwas von den Leuten. Die Wahrheit ist, das Telefon ist einfach nicht mein bester Freund. War es noch nie. Und bin ich nun deswegen eine schlechte Unternehmerin oder gar eine schlechte Fotografin? A propos…gut, dass man beim Fotografieren nicht so viel reden muss. Schade nur, dass das Fotografieren einen so geringen Anteil meiner Arbeit als „One-Woman-Show“ einnimmt. Alle Selbständigen unter euch, wissen was ich meine.

Ich würde sagen, wenn ihr mich kontaktieren möchtet, weil ihr ein Fotoshooting mit mir wollt, ich eure Hochzeit fotografisch begleiten soll oder weil ihr an einer anderweitigen kreativen Zusammenarbeit mit mir interessiert seid, dann schreibt mir am besten eine Email! Wenn ihr geduldig seid, dürft ihr auch gerne anrufen. Kein Problem! Es liegt auf jeden Fall nicht an eurer Telefonleitung, dass wir regelmässig unterbrochen werden. 😉

Ohne das Stottern wäre ich heute nicht, wo ich jetzt bin.

In diesem Sinne, will ich damit nun Frieden schliessen. Hier und jetzt. Und ihr seid alle Zeugen. Das Stottern gehört halt zu mir und meinem Leben. Und wer mit mir arbeiten oder gar befreundet sein will, muss damit klar kommen. Genau wie ich. Ich habe mir das auch nicht ausgesucht. Aber ich will das Beste daraus machen. Und mich vor allem nicht deswegen von irgendetwas abhalten lassen. Auch wenn das manchmal schwer fällt und immer wieder einiger Ermutigungen bedarf. Vielleicht gehe ich auch mal einen Schritt zurück. Aber nur um Anlauf zu holen, um dann wieder zwei Sprünge nach vorn zu machen. Das ist ja auch ok, finde ich. Wer geht schon völlig furchtlos durch’s Leben? Ohne das Stottern, wäre ich wahrscheinlich gar nicht dort, wo ich heute bin. In der Schweiz. Als stolze Jungunternehmerin. Mit den besten Kunden der Welt. Und einem ganzen Haufen liebenswerter Menschen um mich herum, die mich so mögen wie ich bin!

Wahrscheinlich hätte ich ganz brav mein Abitur gemacht, irgendwas studiert, wovon ich nicht gewusst hätte, was ich damit mal anfangen will, wäre im Einheitsbrei der Unimasse untergegangen. Keine Ahnung. Das sind Spekulationen.

Fakt ist, dass ich ziemlich glücklich mit dem bin, was ich jetzt habe und tue. Das ist soviel mehr, als es manch anderem je vergönnt sein wird. Dessen bin ich mir absolut bewusst. Und dafür bin ich dankbar. Und für all diese wunderbaren Menschen, die mir vertrauen und die mich buchen, weil ich es bin. Weil sie mich wollen. Und niemand anderen.

Um die Frage vom Anfang also zu beantworten: Ja, ich darf das. Und du auch!

Anlass: Weil das einfach mal gesagt werden musste!

Text: Lene W Photography

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